Armeniens post-sowjetische Melancholie

Armeniens post-sowjetische Melancholie

Im Dezember 1991 hörte die Sowjetunion auf zu existieren und Armenien wurde unabhängig, nachdem das Land zuvor vom bolschewistischen Russland annektiert worden war. Zusammen mit Georgien und Aserbaidschan wurde es damals als Teil des transkaukasischen SFSR in die Sowjetunion aufgenommen. Ich besuchte Armenien im Sommer 2018, einige Monate nach einer Reihe von friedlichen Protesten gegen die Regierung in Armenien, die von verschiedenen politischen und zivilen Gruppen veranstaltet wurden, die als armenische Samtrevolution bekannt wurde und Präsident Sargsyan zum Rücktritt zwangen.

 

Auch wenn sich die politische Situation verbessern konnte, bleibt die wirtschaftliche und soziale Situation Armeniens mit 18 Prozent Arbeitslosenquote schwierig, und ein Viertel der Bürger, vor allem die jüngeren und gut ausgebildeten, verlassen das Land weiterhin um ihr Glück woanders zu suchen. Ich besuchte mehrere Orte in Armenien, größere Städte, kleine Dörfer auf dem Land sowie einige touristische Orte wie den See Sevan. Das Land zeigte sich mir von vielen verschiedenen Seiten. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich eine Zeitreise in die UdSSR unternommen hatte, umgeben von Sozialwohnungen mit typischer sowjetischer Architektur, verlassenen Kolchosen, rostigen Industriegebäuden und Oldtimern der Marke Lada, die auf den Straßen unterwegs sind. Ein altes Riesenrad, ein ehemaliges öffentliches Schwimmbad oder ein baufälliges Fußballstadion aus Sowjetzeiten zeugen von einer Epoche, die nicht unbedingt nicht die schlechteste in der armenischen Geschichte war. Vielleicht es es auch nur eine romantische Verklärung der Vergangenheit. Die vergessenen Orte strahlen eine gewisse Melancholie aus wenn man sich vorstellt wie Kinder dort schwammen, spielten und dies für viele Einwohner eine nette Abwechslung vom Alltag sein musste. Wie mehrere Nationen der kommunistischen Union gingen auch die Armenier durch das Tal enttäuschter Erwartungen. Im dem anderen, modernen Armenien fand ich mich in stylischen Hipster-Bars in Eriwan auf einen Negroni, in gut ausgestatteten 24/7 Supermärkten die bis spät in die Nacht geöffnet sind ein oder Shops und Restaurants die auch in Berlin oder Düsseldorf stehen könnten.

 

Einen bleibenden Eindruck haben die Menschen mit ihrer ausgesprochenen Freundlichkeit hinterlassen. Nach einer Autopanne findet man sich unter Umständen bei netten Helfern wieder, die einem leckeres Lavash-Brot mit Käse, frischem Gemüse, Fleisch und Vodka anbieten. Oder man wird einfach zu Aprikosen, Oliven und Rotwein eingeladen obwohl man eigentlich die Oper besichtigen wollte. Das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit. Ein großartiges Land mit tollen Menschen.

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